4.227 Menschen und 30.000 Eier

Es ist 2:30 Uhr nachts. Ich liege im Bett und denke an Leonardo DiCaprio.

Leider nicht aus den Gründen, die man sich jetzt vielleicht vorstellt.

Sondern weil unser Kreuzfahrtschiff gerade bei bis zu acht Meter hohen Wellen von links nach rechts schaukelt und mir plötzlich Kate Winslet auf dieser berühmten Tür aus Titanic in den Sinn kommt.

Großartig, Tina. Genau der richtige Film für eine stürmische Nacht auf hoher See.

Dabei bin ich eigentlich kein besonders ängstlicher Mensch, was Schiffe angeht. Vor ziemlich genau einem Jahr war ich auf einem Katamaran mitten in Französisch-Polynesien unterwegs. Acht Menschen, ein Boot und um uns herum ziemlich viel Pazifik.

Ich habe damals direkt über dem Wasser geschlafen. Unter mir gefühlt eine dünne Platte, darunter das Meer. Wenn die Wellen gegen den Katamaran schlugen, klang es manchmal, als würde jemand von unten versuchen, ins Schlafzimmer einzubrechen.

Und trotzdem habe ich mich sicher gefühlt.

Jetzt liege ich auf einem tonnenschweren Kreuzfahrtschiff, habe noch etliche Etagen zwischen mir und dem Meer und denke:

„Sag mal, wie viele Rettungsboote haben wir hier eigentlich?“

Ich möchte ausdrücklich betonen, dass ich nicht ernsthaft mit einem Eisberg vor Norwegen rechne. Aber Leonardo und Kate haben offenbar vor vielen Jahren ganze Arbeit geleistet und sich ziemlich nachhaltig in meinem Kopf eingerichtet.

Während das Schiff also munter weiterschaukelt, denke ich darüber nach, wie verrückt es eigentlich ist, dass wir Menschen uns mit Tausenden anderen auf ein riesiges schwimmendes Hochhaus begeben, mitten aufs Meer fahren und davon ausgehen, dass schon alles gut gehen wird.

Und meistens tut es das ja auch.

Nur mein Kopf hatte um halb drei offenbar beschlossen, lieber noch einmal sämtliche Titanic-Szenen durchzugehen.

Willkommen auf der AIDA. Mit mir an Bord: Florian und 4.227 weitere Gäste.

Und damit herzlich willkommen zu meinem etwas verspäteten Sonntagsblog.

Unser Internet hatte nämlich zwischenzeitlich beschlossen, Urlaub zu machen. Was ich gar nicht schlimm fand. Nur mein selbst auferlegter Blogtermin um neun Uhr wusste davon nichts.

Ein schwimmendes Hochhaus mit 30.000 Eiern

Auf der Hinfahrt habe ich einen Podcast mit Dieter Lange gehört. Er beschrieb Kreuzfahrtschiffe sinngemäß als quergelegte Hochhäuser.

Ich finde dieses Bild großartig.

Ein riesiges Hochhaus, das jemand auf die Seite gelegt, mit Restaurants, Bars, Pools, Theatern, Fitnessstudio, Sauna und Tausenden Menschen gefüllt und anschließend aufs Meer geschickt hat.

Und dann hat vermutlich jemand gefragt: „Meint ihr, das reicht an Unterhaltung?“

Offenbar nicht.

Denn hier gibt es wirklich an jeder Ecke etwas zu erleben.

Aus unternehmerischer Sicht bin ich völlig fasziniert. Wie organisiert man so etwas? Wie versorgt man Tausende Menschen mit Essen, Getränken und Unterhaltung, während sich das gesamte Gebäude bei acht Meter hohen Wellen bewegt?

Und jetzt kommt ein Funfact, den ich einmal in einer Dokumentation aufgeschnappt habe:

Auf einem solchen Kreuzfahrtschiff sollen ungefähr 30.000 Eier mit an Bord sein.

30.000 EIER!

Ich meine, ich bekomme schon leichte Organisationsprobleme, wenn ich für 60 Personen Frühstück alleine vorbereite.

Und hier sitzen Menschen, die offenbar ganz entspannt mit Zehntausenden Eiern über die See fahren.

Ich organisiere beruflich Veranstaltungen und liebe es, groß zu denken. Aber das hier ist wirklich noch einmal eine andere Liga.

Und das Marketing erst! Du bist noch nicht einmal von deiner aktuellen Reise zurück und könntest theoretisch schon die nächste buchen.
Überall werden neue Reiseziele und Erlebnisse vorgestellt.

Wahnsinnig clever.

Ich glaube, man könnte auf so einem Schiff eine ganze Woche verbringen, ohne auch nur einmal das Meer anzuschauen. Und hätte trotzdem ständig das Gefühl, irgendetwas verpasst zu haben.

Willkommen im größten Familienurlaub der Welt

Wir haben uns für diese Reise übrigens einen ausgesprochen interessanten Zeitpunkt ausgesucht.

Herbstferien- aus damals organisatorisch- beruflichen Gründen.

Auf einem Schiff, das für Familien ein absolutes Paradies ist.

Es gibt unfassbar viele Kinder, Softeis, Pommes, Schnitzel und Unterhaltung in sämtlichen Varianten. Und ich kann absolut verstehen, warum Familien das großartig finden.

Ich hätte es damals vermutlich auch geliebt.

Heute sitze ich hier und beobachte Menschen. Eine meiner absoluten Lieblingsbeschäftigungen.

Wer sich einmal intensiv mit dem Verhalten unserer Spezies beschäftigen möchte, sollte unbedingt eine Kreuzfahrt während der Herbstferien buchen.

Hier bekommt man alles.

Kinder, die begeistert zur nächsten Softeismaschine rennen. Eltern, die versuchen, ihre Familien zusammenzuhalten. Großeltern auf Sitzplatzsuche und ganze Familienverbände, die vor jedem Restaurantbesuch offenbar erst eine kleine Krisensitzung abhalten müssen.

„Wo gehen wir jetzt hin?“

„Ich will schwimmen!“

„Oma möchte Kaffee.“

„Wo ist eigentlich Paul?“

„Paul holt Eis.“

Ich bewundere diese Menschen wirklich. Florian und ich brauchen manchmal schon eine halbe Stunde, um zu entscheiden, ob wir spazieren gehen oder Kaffee trinken möchten.

Wie man das mit zwölf Personen organisiert, ist mir ein Rätsel.

Und während um mich herum die nächste Familienkonferenz beginnt, wünsche ich mir eigentlich nur eine ruhige Ecke mit meinem Buch.

Wir haben heute Morgen tatsächlich versucht, irgendwo einen Platz zu finden, an dem gerade nichts stattfindet.

Keine Musik. Keine Animation. Keine Durchsage.

Einfach zwei Stühle und ein bisschen Ruhe.

Gefunden haben wir schließlich eine geschlossene Bar im Außenbereich.

Bei Temperaturen, bei denen selbst die Möwen vermutlich lieber drinnen geblieben wären.

Aber immerhin war es ruhig.

Ich habe selten eine geschlossene Bar so sehr geschätzt.

Ein Vierteljahrhundert später

Und dann hatte ich beim Betreten des Schiffes noch ein ganz anderes Gefühl.

Ein Déjà-vu.

Denn vor ungefähr 25 Jahren war ich schon einmal auf einer AIDA. Damals mit meiner Mama. Nur wir beide.

Und plötzlich wurde mir bewusst, dass ich heute ungefähr so alt bin wie sie damals.

Ein Vierteljahrhundert!

Ich finde ja schon die Tatsache erschreckend, dass Menschen, die im Jahr 2000 geboren wurden, inzwischen erwachsen sind. Aber selbst plötzlich in dem Alter zu sein, in dem die eigene Mutter damals war, ist noch einmal eine andere Nummer.

Als Kind war diese Reise für mich einfach Urlaub. Natürlich fahren wir weg, natürlich erleben wir etwas Schönes, natürlich gibt es ein tolles Buffet.

Ich habe nie darüber nachgedacht, was dahintersteckt.

Dass meine Mama alleinerziehend war. Dass sie diese Reise organisiert, bezahlt und möglich gemacht hat. Und dass das alles längst nicht so selbstverständlich war, wie es sich für mich damals angefühlt hat.

Heute laufe ich mit Florian über dieses Schiff und sehe es mit ganz anderen Augen.

Und plötzlich hatte ich Tränen in den Augen.

Weil ich dachte: Mama, was hast du damals eigentlich alles für mich möglich gemacht?

Vielleicht gehört auch das zum Älterwerden. Dass man dieselben Dinge noch einmal erlebt und plötzlich versteht, was man früher gar nicht gesehen hat.

Deshalb möchte ich an dieser Stelle einfach mal Danke sagen.

Danke, Mama. Für all die Reisen, Erlebnisse und Erinnerungen.
Und dafür, dass du mir so vieles ermöglicht hast, ohne dass ich damals verstanden habe, wie besonders das war.
❤️

Und jetzt wartet Norwegen

Während ich diese Zeilen schreibe, schwankt das Schiff noch immer ein bisschen. Um mich herum werden Ausflüge geplant, Kinder eingesammelt und vermutlich schon die nächsten Frühstückseier vorbereitet.

Florian und ich freuen uns inzwischen sehr darauf, gleich wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

Norwegen wartet auf uns.

Und ich bin wahnsinnig gespannt auf die Landschaft, die frische Luft und die kleinen Orte, die wir entdecken werden.

Vielleicht finden wir dort ja auch unsere ruhige Ecke.

Mit einem schönen Ausblick, einem heißen Kaffee und meinem Buch.

Ohne Animation.

Ohne Softeismaschine.

Und möglichst ohne die Frage, ob wir nicht doch noch schnell irgendein Programm buchen möchten.

Was ich aber jetzt schon weiß: Diese Reise hat mir etwas geschenkt, mit dem ich überhaupt nicht gerechnet hatte.

Einen Blick zurück.

Auf ein kleines Mädchen, das vor 25 Jahren mit seiner Mama auf einem Schiff unterwegs war und all das einfach nur wunderschön fand.

Und auf eine erwachsene Frau, die heute versteht, wie viel Liebe, Arbeit und Mühe manchmal hinter solchen Erinnerungen stecken.

Vielleicht ist das sogar das Schönste daran, älter zu werden.

Dass man dieselben Dinge noch einmal erleben kann und plötzlich etwas völlig anderes darin sieht.

Und jetzt mache ich meinen Rechner zu, suche Florian und vielleicht sogar zwei freie Stühle.

Sollte das nicht klappen, setzen wir uns eben irgendwo dazwischen und machen das, was auf diesem Schiff vermutlich sowieso am spannendsten ist:

Menschenstudien.

Kostenlos.

Zumindest, wenn man den Reisepreis großzügig ignoriert.

Und sollte das Schiff heute Nacht wieder so schaukeln, hoffe ich einfach, dass Leonardo und Kate diesmal in meinem Kopf bleiben und nicht erneut zur nächtlichen Vorstellung antreten.

Denn bei allem Respekt vor großen Filmklassikern: Ich habe Urlaub. Und brauche wirklich keine Titanic-Fortsetzung.

Lieber morgen einen schönen Tag in Norwegen. Und eines von diesen 30.000 Frühstückseiern.

Am besten ohne Seegang. 😂🌿


Kleine Fläschchen auf großer Fahrt!

Und wie sollte es anders sein? Kaum sind wir im Urlaub, kündigt sich bei mir eine Erkältung an. Na wunderbar! Als wären acht Meter hohe Wellen nicht schon Abenteuer genug. 😂

Zum Glück hatte ich meine ätherischen Öle und meine Lieblingsroutinen im Gepäck. Welche Öle mich begleitet haben, wie ich sie angewendet habe und warum ich sie gerade auf Reisen so gerne dabeihabe, erzähle ich euch bei unserem nächsten Öletreff!

20.11.2026, 18:30 Uhr Brandenburg an der Havel

„Vielleicht ist das größte Abenteuer unserer Zeit nicht, möglichst viel zu erleben, sondern mitten im größten Trubel einfach mal nichts zu müssen.“
— Happy Sunday
Tina Pantke