Der Preis ist heiß... oder doch ziemlich hoch?
Zu welchem Preis eigentlich?
Meine Hand steckte in einer Tüte Milchgeister.
Ganz real.
Ich saß mit meiner Freundin Camille im Auto und erzählte von meiner Woche. Von Gesprächen, kleinen und großen Herausforderungen, Dingen, bei denen man überlegt, wie man sie am besten löst. Während mein Mund offensichtlich noch sehr engagiert bei der Aufarbeitung der vergangenen Tage war, hatte meine rechte Hand längst beschlossen, sich aus dem Gespräch herauszuhalten und stattdessen eigenständig für gute Laune zu sorgen.
Milchgeist Nummer eins.
Milchgeist Nummer zwei.
Und über alles Weitere bewahren wir an dieser Stelle einfach Stillschweigen.
Falls ihr meine Beziehung zu Milchgeistern noch nicht kennt: Sie ist kompliziert. Ich liebe diese leicht säuerlichen, weichen Dinger in einer Weise, die ich rational nicht erklären kann. Natürlich lagen sie auch vollkommen zufällig neben Gurke, Tomaten und körnigem Frischkäse in meinem Einkauf. Damit der Wagen wenigstens nach außen noch den Eindruck machte, hier sei alles vollkommen ausgewogen.
Während wir fuhren, erzählte ich Camille von einer Eigenschaft, die mich schon lange begleitet.
Ich möchte Dinge lösen.
Wenn jemand mit einem Problem zu mir kommt, habe ich nicht besonders viel Talent darin, einfach nur zu sagen: „Ach Mensch, das ist ja blöd.“
Mein Gehirn ist dann schon drei Straßen weiter.
Plan A. Plan B.
Wer könnte helfen? Wen könnten wir anrufen? Welche Möglichkeit haben wir übersehen?
Kommunikation ist für mich sowieso eines der größten Wundermittel des Alltags. Menschen miteinander reden lassen, Dinge aussprechen, Missverständnisse klären –
ich glaube wirklich, dass sich damit unglaublich viel bewegen lässt.
Ich habe offenbar irgendwann beschlossen, dass Tina für alles eine Lösung finden kann.
Pinky und Brain lassen grüßen.
Nur dass Brain wenigstens offen kommuniziert hat, dass er die Weltherrschaft übernehmen möchte. Ich tue manchmal so, als würde ich lediglich kurz eine E-Mail beantworten.
Und genau diese Eigenschaft war mir in dieser Woche ein bisschen auf die Füße gefallen.
Wobei „ein bisschen“ wirklich untertrieben ist.
Es fühlte sich eher so an, als hätte mir jemand einen 25-Kilo-Betonklotz direkt auf den Fuß gestellt und gesagt: „So. Trag den jetzt mal kurz mit.“
Natürlich war das kein echter Betonklotz. Es war eher dieses Gefühl, für zu viele Dinge gleichzeitig eine Lösung finden zu wollen. Dinge, die sich meistens lösen lassen. Dinge, die oft gar nicht so groß sind. Aber wenn man ihnen zu lange zu viel Aufmerksamkeit schenkt, können sie plötzlich erstaunlich schwer werden.
Und während ich Camille genau das erzählte, sagte sie einen Satz, der mich seitdem begleitet:
„Man findet für vieles eine Lösung. Die Frage ist nur: zu welchem Preis?“
Meine Hand blieb tatsächlich kurz in der Milchgeister-Tüte stehen.
Zu welchem Preis?
Spannend.
Denn natürlich meinte sie damit nicht, dass wir jetzt alle unsere Probleme ignorieren und den Rest des Lebens auf einer Yogamatte verbringen sollten.
Aber dieser Satz traf einen Gedanken, der mir in den vergangenen Wochen immer wieder begegnet war.
Ich telefoniere beruflich mit unglaublich vielen Menschen. Mit Kunden, Kollegen, Dienstleistern und ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten. Und mir fiel auf, wie häufig ich in letzter Zeit ähnliche Sätze gehört habe.
„Es ist gerade einfach viel.“
„Nach dem Urlaub geht es direkt wieder los.“
„Eigentlich könnte ich schon wieder Urlaub gebrauchen.“
Und irgendwann dachte ich:
Wir sitzen vielleicht alle ein bisschen im gleichen Boot.
Nicht in einem sinkenden. Keine Sorge.
Eher in einem ziemlich gut ausgestatteten Boot, auf dem gleichzeitig zwölf Menschen versuchen, die Segel zu setzen, Getränke zu verteilen, die Route zu planen und nebenbei noch schnell das Deck zu wischen.
Eigentlich läuft alles.
Aber vielleicht könnten wir trotzdem ab und zu einfach mal kurz aufs Meer schauen.
Genau das ist nämlich etwas, das ich selbst immer wieder vergesse.
Ich glaube sehr an Lösungen.
Aber ich glaube inzwischen genauso daran, dass manche Lösungen leichter werden, wenn man vorher einmal für einen Moment aus dem Problem herausgeht.
Nicht weglaufen. Nur kurz raus.
Etwas tun, das überhaupt keinen Zweck erfüllt.
Außer einen glücklich zu machen.
Und auf der Rückfahrt musste ich bei diesem Gedanken plötzlich richtig schmunzeln.
Stellt euch einmal vor, jeder Mensch würde jeden Tag für eine halbe Stunde einfach nur etwas tun, das ihm wirklich Freude macht.
Nicht etwas Produktives.
Nicht etwas, das auf irgendeiner To-do-Liste steht.
Einfach etwas, bei dem man hinterher denkt:
Das war schön.
Der eine geht in seinen Garten und pflanzt Blumen.
Die nächste backt Cupcakes und bringt einen davon ihrer Nachbarin vorbei.
Jemand fährt Fahrrad. Jemand malt.
Jemand sitzt mit einem Kaffee auf dem Balkon und tut ganz revolutionär einfach mal gar nichts.
Vielleicht ruft jemand eine Freundin an.
Vielleicht kocht jemand etwas, weil Kochen für ihn keine Aufgabe, sondern Entspannung ist.
Vielleicht tanzt jemand zehn Minuten durch die Küche, obwohl hoffentlich niemand zusieht.
Und stellt euch vor, was passieren würde, wenn wir das alle gleichzeitig machten.
Nur eine halbe Stunde.
Jeden Tag.
Ich glaube, da würde eine ziemlich verrückte Welle entstehen.
Plötzlich wären überall Menschen, die ein kleines bisschen mehr Energie hätten.
Ein bisschen mehr Geduld.
Ein bisschen mehr Lust.
Vielleicht wäre der Garten schöner.
Der Cupcake würde jemanden glücklich machen.
Das Telefonat am nächsten Tag wäre freundlicher.
Und manches Problem, das vorher riesig aussah, wäre plötzlich einfach nur noch das, was es eigentlich ist:
eine Herausforderung, für die wir irgendwann eine Lösung finden.
Und dann passierte Samstagmorgen etwas ganz Banales.
Ich saß mit Kaffee auf der Couch, noch halb im Wochenende angekommen, mit meinem nicht so unfassbar sexy Nachthemd gekleidet, als es plötzlich klingelte.
Vor der Tür stand ein unglaublich netter Mann mit einem wunderschönen Blumenstrauß.
Für mich.
Und ich weiß noch, wie ich einfach nur dastand und mich gefreut habe.
So richtig.
Und während ich die Blumen in die Hand nahm, musste ich innerlich schmunzeln.
Weil dieser imaginäre 25-Kilo-Betonklotz, der mir zu Beginn der Woche noch gefühlt auf dem Fuß gelegen hatte, plötzlich gar nicht mehr so schwer war.
Nicht, weil das Problem verschwunden war.
Sondern weil etwas anderes für einen Moment größer geworden war.
Freundlichkeit. Aufmerksamkeit.
Das Gefühl, dass jemand an einen gedacht hat.
Vielleicht ist genau das etwas, das wir unterschätzen.
Dass Probleme nicht immer kleiner werden, weil wir sie lösen.
Manchmal werden sie kleiner, weil uns etwas Schönes begegnet, das ihnen für einen Moment weniger Raum gibt.
Ich glaube nämlich, dass Probleme manchmal eine erstaunliche Fähigkeit besitzen.
Wenn wir direkt davorstehen, wirken sie riesig.
Wie diese Bilder im Museum, bei denen man die Nase fast an der Leinwand hat und nur noch einen dunklen Fleck erkennt.
Geht man drei Schritte zurück, sieht man plötzlich das ganze Bild.
Und vielleicht brauchen wir genau diese drei Schritte öfter.
Nicht weil etwas schlimm ist.
Nicht weil wir mit unserem Leben unzufrieden sind.
Sondern weil kein Mensch dafür gemacht ist, vierundzwanzig Stunden am Tag ausschließlich zu funktionieren.
Wir brauchen Dinge, die uns Freude machen.
Menschen, bei denen wir lachen.
Momente, die keinen Nutzen haben müssen.
Und vielleicht ist genau das am Ende sogar ziemlich produktiv.
Denn wer Energie hat, findet meistens auch bessere Lösungen.
Ich werde vermutlich trotzdem weiterhin versuchen, die Welt zu retten.
Ein bisschen zumindest.
Das gehört wohl zu mir.
Aber vielleicht lerne ich gerade, vorher kurz zu fragen:
Muss ICH das jetzt wirklich lösen?
Oder darf ich erst einmal eine Runde rausgehen, etwas Schönes machen und später noch einmal draufschauen?
Denn Camille hatte recht.
Für vieles findet man eine Lösung.
Die Frage ist nur, zu welchem Preis.
Und vielleicht muss dieser Preis nicht immer unsere eigene Energie sein.
Manchmal darf die Lösung auch einen Kaffee später kommen.
Nach einem Spaziergang.
Nach einer halben Stunde im Garten.
Nach einem guten Gespräch.
Oder nachdem jemand geklingelt und einem völlig unerwartet einen Blumenstrauß in die Hand gedrückt hat.
Vielleicht wäre das ja sogar die schönere Welle:
Jeder tut jeden Tag für einen Moment etwas, das ihm selbst guttut.
Und vielleicht noch eine kleine Sache, die jemand anderem guttut.
Ein Anruf.
Ein Kaffee.
Ein Cupcake.
Ein Blumenstrauß.
Nichts Weltbewegendes.
Und trotzdem könnte genau daraus ziemlich viel Bewegung entstehen.
Denn vielleicht müssen wir gar nicht jeden Tag die Welt retten.
Vielleicht reicht es manchmal schon, sie für jemanden für einen kurzen Moment ein kleines bisschen schöner zu machen.
Und manchmal reicht genau das sogar, damit aus einem 25-Kilo-Betonklotz wieder das wird, was er eigentlich war:
ein Problem.
Nicht die ganze Welt.
Die Milchgeister werde ich vorsichtshalber trotzdem nicht im Auto liegen lassen.
Und dann war da noch diese Suppe …
Ganz ehrlich und völlig unverblümt muss ich euch noch erzählen, was Camille und ich an diesem Abend gegessen haben.
Ganz ehrlich: Camille ist eine Göttin in der Küche. Wirklich. Und ausgerechnet wir beide saßen an diesem Abend frierend – im August! – vor einer sogenannten „frischen Gemüsesuppe“ von Erasco.
Sie war warm. Gemüse war drin. Soweit hatte die Speisekarte recht.
Aber nach den ersten Löffeln schauten wir uns an und wussten: Da fehlt was.
Also haben wir schon beim Essen überlegt, wie wir sie kochen würden. Und genau deshalb gibt es heute unsere Version:
Cremige Sommer-Gemüsesuppe mit Kokos & Kräutern
Für 2–3 Portionen:
1 Zucchini
2 Möhren
1 kleine Kartoffel
1 Stange Sellerie
1 kleine Zwiebel
ca. 500 ml Gemüsebrühe
200 ml Kokosmilch
ordentlich frische Petersilie, Dill und Koriander
Salz & Pfeffer
Saft ½ Zitrone
Saft ½ Orange
Zwiebel und Gemüse kurz anschwitzen, mit Gemüsebrühe aufgießen und weich köcheln. Kokosmilch dazugeben und alles nur teilweise pürieren, sodass noch etwas Struktur bleibt. Zum Schluss richtig viele frische Kräuter unterheben und erst ganz am Ende Zitrone und Orange dazugeben.
Cremig, frisch, leicht säuerlich, ein bisschen süß – und trotzdem genau das Richtige für diese merkwürdigen Augustabende, an denen man eigentlich Aperol trinken wollte und plötzlich Suppe braucht.
Camille und ich wären zufrieden.
Apropos weniger ist manchmal mehr …
Vielleicht passt es gerade deshalb ziemlich perfekt, dass wir uns am Mittwoch unserem Fastenworkshop widmen.
Denn bei all dem zu viel – zu viele Gedanken, zu viele Termine, zu viel Essen, zu viel von allem – kann ein bisschen bewusster Verzicht manchmal erstaunlich gut tun.
Und keine Sorge: Wir sprechen nicht darüber, wie man möglichst heldenhaft drei Tage an einer Selleriestange knabbert.
Es geht um genussvollen Verzicht. Um verschiedene Formen des Fastens, darum, was im Körper passiert, wie man es alltagstauglich gestalten kann und welche kleinen Helfer uns dabei unterstützen können.
„Nicht alles muss gelöst werden. Manches wird leichter, sobald wir ihm weniger Raum geben.“