Die Einzige, die mich niemals wirklich sehen wird
„Tina, ich habe eine Freundin, die sieht genauso aus wie du. Und sie lacht auch genauso wie du.“
Es war einer dieser Sätze, bei denen man zunächst nicht weiß, ob man sich freuen oder vorsichtshalber schon einmal innerlich anschnallen sollte.
Wir waren am Ende einer ziemlich wilden Woche im 360°. Knapp 100 Azubis waren bei uns zu Gast und ich hatte in wenigen Tagen nicht nur erstaunlich viele Kilometer zurückgelegt, sondern offenbar auch einen kostenlosen Auffrischungskurs in Jugendsprache absolviert. „Digga“ und „Bruda“ bekomme ich inzwischen zumindest kontextbezogen eingeordnet. Bei „Gouda Käse“ bin ich allerdings raus. Komplett. Ich habe mehrfach versucht, den tieferen Sinn dahinter zu verstehen, und bin inzwischen zu dem Schluss gekommen, dass ich mit meinen fast 40 Jahren vielleicht einfach akzeptieren muss, dass bestimmte Türen sich irgendwann schließen. Falls jemand von euch weiß, was genau das bedeutet: Bitte klärt mich auf.
Gleichzeitig veränderte sich im Laufe der Woche auch der Duft unseres Geländes. Sagen wir es so: Wo sonst Wald, See und Sommerluft vorherrschen, lag plötzlich eine sehr individuelle Mischung aus Axe, günstigem Parfüm und diesem ganz speziellen pubertären Grundduft in der Luft, für den die Wissenschaft meines Wissens noch keinen offiziellen Namen gefunden hat.
Und trotzdem fand ich diese Woche irgendwie großartig.
Denn wenn man einmal einen Schritt zurücktritt, ist es ziemlich beeindruckend, was manche Unternehmen für ihre jungen Menschen auf die Beine stellen. Es ging um Werte, um Onboarding, um Kennenlernen, um Zusammenarbeit und darum, Menschen, die gerade frisch ins Berufsleben stolpern, eine gemeinsame Basis mitzugeben. Im Grunde war es ein Ferienlager für angehende Erwachsene – nur mit Unternehmenswerten statt Nachtwanderung.
Und natürlich waren sie alle unterschiedlich. Manche neugierig, aufmerksam und voller Energie, andere eher in einem Zustand, den ich freundlich als maximale Ressourcenschonung bezeichnen würde. Einige fanden die Woche sogar ziemlich anstrengend, und ich stand daneben und dachte kurz: Oh, ihr Lieben. Ihr habt wirklich noch keine Ahnung, was da draußen alles auf euch wartet.
Und genau in diesem Moment erwischte ich mich bei etwas, worüber ich vor über zwanzig Jahren selbst die Augen verdreht hätte.
„Ihr habt noch euer ganzes Leben vor euch.“
Diesen Satz fand ich früher furchtbar. Wenn Erwachsene am Familientisch sagten: „Ach, ich wäre auch gern noch einmal so jung“, dachte ich ungefähr: Bla bla bla. Ihr versteht mein Leben einfach nicht.
Heute schaue ich diese jungen Menschen an und denke plötzlich genau dasselbe.
Ihr habt noch so viel vor euch. Ihr werdet euch verlieben und euch vielleicht wieder trennen. Ihr werdet Jobs anfangen, kündigen, Fehler machen, Menschen verlieren, neue Menschen kennenlernen, euch völlig überschätzen und manchmal genauso unterschätzen. Ihr werdet Entscheidungen treffen, von denen ihr heute noch nicht einmal wisst, dass es sie irgendwann geben wird.
Und ich stand da und dachte: Wie cool ist das eigentlich?
Vielleicht schaut man auf Menschen eben immer durch die Augen der eigenen Geschichte.
Was mich zurück zu diesem einen Satz bringt.
„Tina, ich habe eine Freundin, die sieht genauso aus wie du.“
Die Betreuerin zückte ihr Handy und begann hektisch durch Instagram zu scrollen, während ich neugierig danebenstand. In meinem Kopf entstanden bereits verschiedene Szenarien. Vielleicht hatte mein Erzeuger doch irgendwo eine Halbschwester gezeugt, von der ich nichts wusste. Vielleicht würde mir gleich mein verschollenes Double präsentiert. Vielleicht hatte ich jahrelang völlig ahnungslos eine Doppelgängerin irgendwo in Deutschland.
Dann fand sie das Bild.
Sie drehte das Handy zu mir.
Und wenn mein Leben in diesem Moment ein Film gewesen wäre, hätte man jetzt definitiv auf Zeitlupe umgestellt.
Kamera auf das Handy.
Kamera auf meine Augen.
Kamera auf meinen Gesichtsausdruck.
Denn leider besitze ich eine Eigenschaft, die in diplomatischen Berufen vermutlich ein Ausschlusskriterium wäre: Mein Gesicht kann nicht lügen. Wenn mir etwas nicht gefällt, kann mein Mund noch so höflich lächeln – meine Augen haben längst eine Pressekonferenz gegeben.
Ich schaute also auf diese Frau.
Dann noch einmal.
Vielleicht ungefähr meine Größe.
Ähnliche Haarlänge.
Und ansonsten?
Nichts.
Also aus meiner Sicht zumindest.
Sie wirkte auf mich älter, ganz anders und – vollkommen wertfrei – einfach viel ruhiger und unscheinbarer, als ich mich selbst wahrnehme.
Und mein erster Gedanke war tatsächlich:
Sehe ich wirklich so aus?
Das Verrückte ist: Dieses Foto ließ mich nicht mehr los.
Ich fragte natürlich noch eine Kollegin, ob sie eine Ähnlichkeit sieht. Sie verneinte. Ob aus ehrlicher Überzeugung oder weil sie meinen Gesichtsausdruck kannte und sehr an einem weiterhin harmonischen Arbeitsverhältnis interessiert war, kann ich bis heute nicht abschließend beurteilen.
Aber darum ging es irgendwann auch gar nicht mehr.
Denn plötzlich kam mir ein Gedanke, den ich seitdem ziemlich faszinierend finde:
Ich bin der einzige Mensch auf dieser Welt, der mich niemals so sehen wird, wie alle anderen mich sehen.
Ich kenne mich aus dem Spiegel. Ich kenne Fotos von mir, auf denen ich sofort entscheide, ob ich sie mag oder nicht. Ich kenne Videos und finde selbstverständlich innerhalb von ungefähr drei Sekunden die Stelle, an der mein Bauch komisch aussieht, meine Haare falsch liegen oder ich einen Gesichtsausdruck mache, von dessen Existenz ich bis dahin nichts wusste.
Aber ich sehe mich niemals wirklich von außen.
Ich sehe nicht, wie ich einen Raum betrete. Wie mein Gesicht aussieht, wenn ich mich ehrlich freue. Wie ich gestikuliere, wenn ich von etwas begeistert bin. Wie ich auf andere Menschen wirke, wenn ich gar nicht darüber nachdenke, wie ich wirke.
Alle anderen kennen diese Tina.
Nur ich nicht.
Auf der Rückfahrt hörte ich wieder Joe Dispenza und dachte über Gedanken, Selbstbild, Ego und Wahrnehmung nach. Darüber, wie sehr unsere Gedanken bestimmen, welche Geschichte wir über uns selbst erzählen. Denn selbst wenn ich in einen Spiegel schaue, sehe ich ja nicht einfach nur mich. Ich sehe mich durch alles hindurch, was ich über mich denke.
Und vielleicht hat mich dieser Gedanke gerade deshalb so erwischt, weil ich diese Woche sowieso ziemlich weit weg von mir selbst war.
Ich habe funktioniert.
Organisiert.
Kilometer gemacht.
Probleme gelöst.
Für andere gedacht.
Und irgendwo dazwischen war wenig Platz für Kreativität, Ruhe oder einfach nur mich.
An einem dieser Abende lag ich müde auf dem Sofa und scrollte gedankenlos durch Instagram, als ich einen Satz las:
Es wird Wochen geben, in denen ihr euch eher wie Mitbewohner fühlt als wie ein Paar. Das heißt nicht, dass etwas kaputt ist. Das ist Liebe an einem müden Dienstag.
Ich fand den Gedanken wunderschön.
Und irgendwann dachte ich: Vielleicht gilt das nicht nur für Beziehungen.
Vielleicht gibt es auch Wochen, in denen man sich selbst eher wie eine Mitbewohnerin behandelt.
Man sorgt dafür, dass alles läuft. Man bringt einen durch den Tag, füttert einen halbwegs vernünftig, schickt einen ins Bett und hofft, dass man am nächsten Morgen wieder funktioniert.
Aber man schaut sich nicht besonders genau an.
Man hört sich nicht richtig zu.
Man ist einfach da.
Diese Woche war für mich ein müder Dienstag mit mir selbst.
Und vielleicht brauchte es ausgerechnet eine fremde Frau, die mir auf einem Instagram-Foto angeblich ähnlich sieht, damit ich mich wieder einmal mit mir beschäftige.
Nicht damit, ob ich schöner bin.
Jünger.
Dünner.
Interessanter.
Oder ob wir uns tatsächlich ähnlich sehen.
Sondern mit der Frage, wie wenig wir eigentlich darüber wissen, wie andere Menschen uns wahrnehmen.
Vielleicht verbringen wir deshalb viel zu viel Zeit damit, unser Spiegelbild zu optimieren und viel zu wenig damit, das zu pflegen, was kein Spiegel der Welt zeigen kann.
Wie wir einen Raum verändern, wenn wir hineinkommen.
Wie wir Menschen behandeln.
Wie wir lachen.
Wie wir zuhören.
Wie wir andere fühlen lassen.
Denn vielleicht ist das am Ende sowieso das Bild von uns, das bleibt.
Und wer weiß.
Vielleicht sieht diese Frau auf Instagram mir tatsächlich ähnlicher, als ich wahrhaben möchte.
Nur bei einer Sache bin ich mir ziemlich sicher:
Mein Gesicht hätte beim Anblick dieses Fotos trotzdem genauso geguckt.
Wenn mein Kopf Stress hat, bekommen meine Hüften offenbar Lagerhaltung
Leider Gottes sind Wochen, in denen ich einfach nur funktioniere, meistens auch genau die Wochen, in denen mein Körper beschließt:
Alles, was nicht bei drei auf dem Baum ist, bleibt hier.
Und ja: Ich bin Stressesserin. Wirklich. Wenn mein Kopf voll ist, setzt bei mir irgendwann jede vernünftige Entscheidung aus und mein Körper hält offenbar zusätzlich alles fest, was er bekommen kann.
Deshalb versuche ich gerade an solchen Tagen gar nicht erst, kulinarische Weltwunder zu vollbringen. Ich brauche Essen, das schnell geht, viel Volumen hat, frisch schmeckt und mich richtig satt macht.
Und dieses hier war so gut, dass es definitiv in meine Dauerrotation kommt:
Lachs-Gurken-Tatar auf Schmorkohl
Für 2 Portionen
Für das Tatar:
250 g Lachs, zum Rohverzehr geeignet – alternativ kurz gebraten
½–1 Gurke
1 Bund Dill
Saft und etwas Abrieb einer Bio-Zitrone
Salz
frisch gemahlener Pfeffer
Für den Schmorkohl:
ca. ½ kleiner Weißkohl
1 TL Olivenöl
½–1 TL Kümmel
Salz und Pfeffer
ein kleiner Spritzer Zitronensaft
Den Weißkohl fein schneiden und mit etwas Olivenöl in einer großen Pfanne langsam anbraten. Kümmel dazugeben, salzen und so lange schmoren lassen, bis der Kohl weich wird, aber noch etwas Biss hat. Zum Schluss einen Spritzer Zitrone dazu.
Für das Tatar Lachs und Gurke fein würfeln, reichlich Dill hacken und alles mit Zitrone, Salz und Pfeffer vermengen. Kurz ziehen lassen und anschließend auf das warme Schmorkohlbett setzen.
„Vielleicht sehen andere längst etwas Schönes in dir, das du selbst noch viel zu kritisch betrachtest.“