Teamwork makes the dream work. Leider stimmt’s.

Es ist Samstagabend, 23:55 Uhr, und ich sitze tatsächlich noch hier und schreibe diesen Blog. Eigentlich sollte ich längst schlafen, denn ich bin gerade knapp zwei Stunden aus Kolberg zurückgefahren, habe heute ein Ferienhaus eingerichtet, bin durch zwei TEDi-Filialen, einen Action und noch einen weiteren Laden gerannt, habe anschließend in einer Küche gekocht, in der ich nicht einmal blind weiß, wo das Salz steht, und zum ersten Mal in meinem Leben ernsthaft an einem großen Grill Würstchen gegrillt.

Eigentlich müsste ich also vollkommen fertig sein. Und ein bisschen bin ich das vermutlich auch. Gleichzeitig sitze ich hier aber mit einem so bescheuerten Grinsen im Gesicht, dass ich diese Woche unbedingt noch aufschreiben muss, bevor ich schlafen gehe.

Und ausgerechnet dabei muss ich an einen dieser Sprüche denken, die vermutlich auf jeder dritten Kaffeetasse in irgendeinem Büro dieser Welt stehen:

Teamwork makes the dream work.

Ganz ehrlich, ich fand diesen Spruch immer ziemlich lahm. Er gehört für mich in dieselbe Kategorie wie Wandtattoos mit „Live. Laugh. Love.“ Man liest ihn, nickt kurz und denkt: Ja ja. Gemeinsam sind wir stark. Danke für diese völlig neue Erkenntnis.

Bis man plötzlich einen Tag erlebt, an dem man versteht, was damit eigentlich gemeint ist.

Meine Woche begann allerdings erst einmal ganz woanders, denn ich habe gerade Omi-Woche. Omi-Woche bedeutet, dass meine Eltern im Urlaub sind und ich in dieser Zeit etwas mehr nach meinen Großeltern schaue. Die beiden sind fast fünfzig Jahre älter als ich, was ich manchmal selbst ziemlich verrückt finde, und ich bin unglaublich dankbar, dass ich sie beide noch habe. Vor allem meine Oma ist in vielen Dingen ein echtes Vorbild für mich. Sie beschäftigt sich seit Ewigkeiten mit gesunder Ernährung, liest, probiert aus, hinterfragt und weiß teilweise Dinge, bei denen ich mich frage, wann genau sie heimlich noch ein Ernährungsstudium absolviert hat. Wir können uns jedenfalls wunderbar darin verlieren, über Essen, Gesundheit und darüber zu sprechen, was bestimmte Gewohnheiten eigentlich mit uns machen.

Omi-Woche hat nur einen kleinen logistischen Haken: Mein Arbeitsweg verlängert sich mal eben um ungefähr eine Stunde. Und genau in diese Woche fiel unser kleines Samstagsproblem.

Wir hatten nämlich keinen Koch.

Und wir hatten gesucht. Wirklich. Ich glaube, ich habe ungefähr acht Cateringfirmen und mögliche Aushilfen in der Umgebung angerufen, wir haben Kontakte aktiviert, herumtelefoniert und überlegt, aber es war einfach niemand zu bekommen. Irgendwann saß ich da und dachte: Ach komm, Tina. Du hast jahrelang gekocht, du hattest einen eigenen Laden und wenn du ganz ehrlich bist, hast du sogar mal wieder richtig Lust darauf.

Also klärte ich zu Hause, ob bei Omi und Opa alles gut ist, setzte mich ins Auto und fuhr die zwei Stunden nach Kolberg.

Und vielleicht begann dieses Teamwork-Ding schon in dem Moment, als ich dort ankam und meine Kollegin einfach meine Lieblingsweingummis für mich hingelegt hatte. Keine große Sache. Aber ihr kennt mich inzwischen gut genug, um zu wissen, dass Weingummis bei mir durchaus als ernstzunehmende Form der zwischenmenschlichen Wertschätzung gelten.

Bevor wir allerdings überhaupt ans Kochen denken konnten, gab es noch eine andere kleine Baustelle. In der kommenden Woche könnte es passieren, dass wir ein paar mehr Schlafplätze brauchen, als wir ursprünglich eingeplant hatten. Wir haben noch ein kleines Ferienhaus auf dem Gelände, das eigentlich anders genutzt wird, und als wir dort standen, war für mich innerhalb weniger Minuten vollkommen klar:

Da geht doch was.
Und ab diesem Moment hatte mein Kopf das Haus eigentlich schon fertig eingerichtet.

Ich sah schon die Lampe in der Ecke stehen, wusste ungefähr, wo ein Paravent hinmusste, und natürlich war auch relativ schnell klar, dass wir ein Bild brauchten. Nicht irgendein Bild. Wenn ein Mensch schon morgens in einem Zimmer in Kolberg die Augen aufschlägt, dann soll er schließlich nicht als Erstes auf eine nackte weiße Wand schauen und sich fragen, welche Entscheidungen seines Lebens ihn hierhergeführt haben.

Nein.

Er soll die Augen öffnen und denken: Ach, ist das schön hier.

In meinem Kopf lag also gedanklich schon die Tagesdecke auf dem Bett, die Lampe verbreitete selbstverständlich das perfekte warme Licht und der Gast schlief vermutlich bereits selig unter unserer imaginären neuen Bettwäsche.

Meine Kollegin schaute sich um, ich schaute sie an und irgendwann war klar: Wir fahren jetzt einfach los.

Was dann folgte, würde ich gerne als sehr effizienten Beschaffungsvorgang bezeichnen. Tatsächlich waren es zwei Frauen, die innerhalb von einer Stunde und 55 Minuten durch zwei TEDis, einen Action und noch einen weiteren Laden liefen und dabei Dinge in Einkaufswagen warfen.

Und nein, diese Geschäfte befanden sich nicht alle bequem nebeneinander in einem Einkaufszentrum. Ich möchte das an dieser Stelle für meine persönliche Leistungsbilanz ausdrücklich festhalten.

Das Verrückte war aber: Es ging unglaublich leicht. Wir hatten einen ähnlichen Geschmack und vor allem dasselbe Bild im Kopf. Wir wussten beide, dass es nicht darum ging, einfach irgendwie zwei Betten in einen Raum zu stellen. Wenn wir dort jemanden schlafen lassen, dann möchte ich auch mit gutem Gewissen die Tür hinter ihm schließen können und wissen: Der fühlt sich hier wohl.

Also hielten wir Dinge hoch, sahen uns an und meistens reichte schon ein Blick.

„Das?“

„Ja.“

Und weiter.

Irgendwann standen wir natürlich trotzdem vor irgendeinem Dekogegenstand, bei dem vermutlich keine von uns wirklich wusste, ob ein Mensch ihn zum Überleben braucht. Aber er sah gemütlich aus und damit war die Diskussion beendet.

Als wir zurückkamen, musste ich allerdings ziemlich schnell von meiner inneren Interior-Designerin wieder zu meiner früheren Identität als Köchin wechseln. Und ich hatte fast vergessen, wie viel Spaß mir genau das macht.

Gleichzeitig merkte ich sofort, wie sehr mein Gehirn an meine alte Küche gewöhnt gewesen war. In meinem eigenen Laden konnte ich blind zum Salz greifen. Ich wusste, wo die Suppenkelle hing, welches Messer in welcher Schublade lag und wohin meine Hand greifen musste, während mein Kopf schon drei Arbeitsschritte weiter war. Mein Gehirn liebt solche Abläufe. Wenn es hektisch wird, möchte ich nicht darüber philosophieren, an welchem außergewöhnlichen Ort sich heute vielleicht das Olivenöl befinden könnte. Ich möchte einfach greifen und es soll da sein.

Aber nach ein paar Minuten stellte ich fest, dass professionelle Küchen eigentlich ein bisschen wie Spaghetti Bolognese sind. Das Grundprinzip ist überall ähnlich. Die Nudeln unten, die Sauce drauf, Parmesan oben. Dinge, die man ständig braucht, stehen normalerweise dort, wo man sie braucht, Teller befinden sich sinnvollerweise in der Nähe des Anrichtebereichs und nur sehr kreative Menschen lagern das Bratöl in der Spülküche.

Man friemelt sich also ein. Man probiert den Herd aus, versteht irgendwann den Konvektomaten und plötzlich bewegt man sich wieder ein bisschen selbstverständlicher durch den Raum.

Nur eine Sache hatte ich bis dahin erfolgreich verdrängt: Ich kann nicht grillen.

Zumindest war das bis Samstag meine feste Überzeugung.

Der Kunde hatte sich vormittags nämlich noch gewünscht, dass wir am Abend grillen. Ich fand das grundsätzlich eine wunderbare Idee und hatte innerlich offenbar darauf vertraut, dass das Universum mir passend dazu noch einen Grillmaster schicken würde.

Tat es nicht.

Also standen irgendwann nur noch der Grill und ich voreinander.

Ich schaute ihn an.

Er schaute vermutlich nicht zurück, aber die Stimmung war trotzdem angespannt.

Also tat ich das, was ein moderner Mensch im Jahr 2026 in einer solchen Situation tut: Ich machte ein Foto davon und fragte ChatGPT, wie ich auf diesem Ding Würstchen grille, sodass sie anschließend tatsächlich schmecken.

Und dann habe ich gegrillt.

Sie wurden braun, sie waren innen durch und die Gäste sagten später sogar, sie hätten geschmeckt. Damit erkläre ich meine Karriere als Barbecue-Maus für erfolgreich eröffnet und gleichzeitig vorerst beendet.

Das Schönste an diesem Abend passierte für mich aber kurz bevor die Gäste kamen. Wir standen als Team zusammen und ich erzählte noch einmal, was ich mir für diesen Abend wünsche. Nicht nur, wann welches Essen rausgeht oder wer welchen Tisch im Blick behält, sondern wie sich der Abend anfühlen soll.

Ursprünglich war ein Buffet geplant gewesen, aber ich liebe bei solchen Gruppengrößen Family Style. Ich mag es, wenn Schüsseln und Platten auf den Tisch kommen, jemand dem anderen etwas reicht, man probiert, miteinander spricht und nicht irgendwann das halbe Restaurant mit Tellern in der Hand in einer Schlange steht.

Ich wollte, dass es sich ein bisschen anfühlt wie ein großer Abend mit Freunden.

Und genauso haben wir es besprochen. Wir haben gemeinsam Adaptive in den Nacken gegeben, Citrus Bliss eingeatmet, einmal durchgeatmet und uns nicht nur gefragt, welches Gefühl unsere Gäste an diesem Abend haben sollen, sondern auch, wie wir selbst durch diesen Abend gehen wollen. Denn schließlich war es auch unsere Zeit. Mein eigentlich freier Samstag, die Zeit meiner Kollegen und ein paar Stunden unseres Lebens, die wir genauso gut mit guter Energie verbringen konnten.

Und dann kamen die Gäste.

Was danach passierte, lässt sich eigentlich schwer beschreiben, weil es überhaupt nichts Spektakuläres war. Es funktionierte einfach.

Eine Hand griff in die andere. Jemand sah etwas und machte es, bevor man überhaupt fragen musste. Platten gingen raus, leere Teller kamen zurück, irgendjemand hatte genau im richtigen Moment schon das in der Hand, wonach ich gerade greifen wollte. Niemand musste groß erklären, wer jetzt eigentlich wofür zuständig war, weil alle dasselbe Bild davon hatten, wie dieser Abend laufen sollte.

Und irgendwann stand ich in dieser Küche, draußen saßen die Gäste an ihren Tischen, Essen wurde herumgereicht, überall war Bewegung und trotzdem fühlte es sich überhaupt nicht hektisch an.

Und genau da musste ich innerlich lachen.

Ach.

Das meinen die also.

Teamwork makes the dream work.

Verdammt.

Die Kaffeetasse hatte recht.

Denn wenn ich diesen Samstag auf dem Papier aufschreibe, klingt er überhaupt nicht leicht. Zwei Stunden hinfahren, zwei Stunden zurück, eigentlich frei haben, kein Koch, eine Küche, in der ich nicht täglich stehe, ein Grill, mit dem ich bis dahin keinerlei Beziehung führte, und zwischendurch noch die Mission, aus einem funktionalen Ferienhaus einen Ort zu machen, an dem morgens jemand die Augen aufschlägt und sich über unser sorgfältig ausgesuchtes Bild freut.

Und trotzdem bin ich mit mehr Energie nach Hause gefahren, als ich an manchen vollkommen normalen Tagen habe.

Vielleicht liegt genau darin etwas, das wir bei Teamwork manchmal vergessen. Es bedeutet nicht, dass fünf Menschen einfach gleichzeitig anwesend sind. Es bedeutet auch nicht, dass jeder alles können muss. Zum Glück, denn sonst müsste ich meine neu erworbenen Grillkenntnisse womöglich regelmäßig unter Beweis stellen.

Vielleicht bedeutet es vielmehr, dass Menschen dasselbe Bild im Kopf haben.

Dass jemand die Vision ausspricht und die anderen anfangen, sie mitzugestalten. Dass einer etwas sieht, bevor der andere danach fragen muss. Dass nicht ständig die Frage im Raum steht, wessen Aufgabe etwas eigentlich ist, sondern für einen Moment nur: Was brauchen wir gerade, damit es am Ende richtig gut wird?

Und plötzlich wird etwas, das eigentlich anstrengend sein müsste, erstaunlich leicht.

Auf meiner Rückfahrt hatte ich jedenfalls ziemlich viel Zeit darüber nachzudenken. Zwei Stunden Autofahrt sind hervorragend geeignet, um sein eigenes Leben noch einmal vollständig durchzuanalysieren, inklusive Situationen, nach denen niemand gefragt hat.

Und kurz vor elf dachte ich plötzlich: Ich muss meiner Kollegin schreiben.

Nicht morgen. Nicht irgendwann am Montag zwischen zwei Terminen. Sondern jetzt.

Einfach weil ich ihr sagen wollte, wie grandios ich diesen Tag fand und wie dankbar ich dafür war, dass etwas, vor dem ich am Morgen durchaus Respekt hatte, sich am Ende so leicht angefühlt hatte.

Vielleicht ist das nämlich mein eigentliches Learning aus dieser Woche: Manchmal macht nicht die Menge der Aufgaben einen Tag schwer oder leicht. Manchmal sind es die Menschen, mit denen wir sie machen.

Und jetzt ist es weit nach Mitternacht. Meine Füße wissen inzwischen ziemlich genau, was sie heute geleistet haben, mein Kopf ist immer noch irgendwo zwischen Gästezimmer, Gemüsesuppe und Grillrost und morgen werde ich vermutlich feststellen, dass ich bei unserer Einkaufstour irgendeinen völlig unnötigen Dekogegenstand für absolut unverzichtbar gehalten habe.

Aber ich grinse immer noch.

Und vielleicht brauche ich jetzt tatsächlich so eine bescheuerte Kaffeetasse.

Teamwork makes the dream work.

Ich finde den Spruch immer noch ein bisschen lahm.

Aber seit diesem Samstag glaube ich ihm.


Hier ein paar Auszüge aus dem abendlichen Family Style Dinner


Heute gibt’s kein Rezept.

Denn nach dieser Woche möchte ich eigentlich nur eines loswerden: Danke.

An die Menschen, die mitdenken, mitmachen, Ideen weiterspinnen, Lieblingsweingummis hinlegen, mit mir durch zwei TEDis und einen Action rasen und aus einem eigentlich ziemlich wilden Samstag einen verdammt guten machen.

Ihr macht mein Leben manchmal einfach ein ganzes Stück cooler.

Und weil Dankbarkeit bei mir früher oder später sowieso immer in Essen endet, möchte ich diesmal lieber für euch kochen.

Was es gibt? Überraschung.

Ich kann nur versprechen: Es wird gesund, lecker und mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit viel zu viel. Denn für andere Menschen angemessene Portionsgrößen zu kalkulieren, ist bis heute nicht meine größte Stärke.

Also: Wenn ihr Lust habt, seid ihr eingeladen. Ich koche. Ihr bringt Hunger mit. Den Rest kriegen wir schon hin. 🌿

TEAMWORK MAKES THE DREAM WORK.
Manchmal muss man es eben erst erleben, damit man versteht, warum es auf so vielen Kaffeetassen steht.
— Quellenangabe
Tina Pantke