Manche Dinge verlernt man nie.

Ich habe eine Macke.

Okay, vermutlich mehrere, aber um eine davon soll es heute gehen.

Ich kann in Restaurants nicht in der Mitte sitzen.

Wirklich nicht.

Wenn Florian und ich irgendwo essen gehen, suche ich mir instinktiv einen Tisch am Rand. Im Idealfall sitze ich mit dem Rücken zur Wand und kann in den Raum schauen. Ich möchte sehen, was passiert. Wer kommt. Wer geht. Wo das Essen herkommt. Wahrscheinlich ist das irgendein Überbleibsel aus meinen vielen Jahren in der Gastronomie. Vielleicht bin ich aber auch einfach kontrollsüchtig.

Wir nennen es heute: Gastgeberinstinkt.

Umso schöner war also die Tatsache, dass unser Stand auf der Familienmesse am Samstag ausgerechnet dort stand, wo?

In der Mitte.

Nicht ein bisschen Mitte.

Mitte-Mitte.

Mit dem Rücken zum Eingang.

Vor mir befand sich außerdem eine riesige Luftballon-Spielmaschine für Kinder, die ich zu Beginn noch ausgesprochen niedlich fand.
Nach sechs Stunden hatte sich unser Verhältnis verändert.

Ich möchte nicht sagen, dass ich Aggressionen gegen eine Hüpfkonstruktion entwickelt habe. Aber wir brauchten anschließend beide etwas Abstand voneinander.

Wir waren mit unseren ätherischen Ölen auf der Messe und hatten einen wirklich schönen Tag. Es war zwischendurch ruhiger als gedacht, aber gerade dadurch entstanden richtig gute Gespräche. Menschen blieben stehen, rochen, fragten nach und erzählten. Manche kannten ätherische Öle bereits, andere hatten überhaupt keine Vorstellung davon, wie vielseitig man sie in den Alltag integrieren kann.

Und ich liebe genau diese Gespräche.

Nicht jemanden davon zu überzeugen, dass er ab morgen sein gesamtes Badezimmer durch kleine Fläschchen ersetzen muss, sondern diesen Moment, wenn jemand sagt: „Ach, spannend. Darüber habe ich noch nie nachgedacht.“

Genau dafür mache ich das.

Irgendwann musste ich allerdings auf Toilette.

Und dieser Toilettengang sollte meinem Samstag eine überraschende Wendung geben.

Das Kloster, in dem die Messe stattfand, gehört zu einem Restaurant beziehungsweise Café einer guten Freundin von mir. Ich habe dort schon häufiger mitgearbeitet und kenne diesen ganz besonderen Blick, den Menschen in der Gastronomie bekommen, wenn ungefähr 17 Dinge gleichzeitig passieren und die ersten drei bereits brennen.

Nicht wortwörtlich. Im besten Fall.

Ich ging also rüber und sah meine Freundin - Sie wühlte.

Und wer einmal in der Gastronomie gearbeitet hat, weiß genau, was ich mit wühlen meine.

Überall Geschirr. Gläser. Gäste. Neue Bestellungen. Irgendwo fehlt Besteck. Irgendjemand braucht irgendetwas. Und während man noch versucht herauszufinden, wo vorne und hinten ist, kommt garantiert jemand und fragt ganz freundlich:

„Entschuldigung, könnten wir vielleicht noch einen Löffel bekommen?“

Natürlich.

Ich hole Ihnen den Löffel direkt aus meinem Nervensystem.

Meine Freundin schaute mich an und fragte:

„Tina, kannst du ganz kurz helfen?“

Und es war faszinierend. Ich musste überhaupt nicht nachdenken. Keine drei Sekunden später stand ich wieder in einer Spülküche.

Schürze innerlich an.

Gastronomie-Tina aktiviert.

Gläser. Teller. Rein. Raus. Sortieren. Stapeln. Weiter.

Manche Dinge verlernt man offenbar wirklich nie.

Als die Messe später vorbei war, gingen Florian und ich noch einmal rüber. Unsere Sachen waren bereits im Auto und eigentlich hätten wir einfach nach Hause fahren können.

Eigentlich.

Dann sahen wir den Berg.

Teller.

Gläser.

Noch mehr Teller.

Und irgendwo dazwischen Menschen, die seit Stunden gearbeitet hatten und ziemlich genau wussten, dass dieser Berg sich leider nicht aus reiner Willenskraft in einen sauberen Schrank teleportieren würde.

Also blieben wir.

Florian packte mit an, ich stand wieder an der Spüle und ungefähr eine Stunde später sah die Welt schon ganz anders aus.

Zwischendurch kam die Veranstalterin der Messe vorbei und fragte mich völlig irritiert:

„Was machst DU denn jetzt hier?“

Und ich musste lachen.

Weil ich gar nicht darüber nachgedacht hatte.

Ich kenne diese Situation einfach zu gut. Ich kenne diese Momente, in denen vor dir so ein riesiger Berg steht, dass du nicht einmal mehr weißt, welchen Teller du zuerst nehmen sollst.

Und manchmal braucht man dann keinen schlauen Tipp.

Man braucht einfach jemanden, der danebensteht, sich die Ärmel hochkrempelt und sagt:

„Okay. Ich nehme die Gläser.“

Auf der Heimfahrt musste ich darüber nachdenken.

Denn irgendwie sah meine Woche genauso aus wie diese Spülküche.

Gerade passieren, nennen wir es- viele neue Dinge.
Neue Projekte entstehen, Entscheidungen dürfen getroffen werden, alte Ideen werden plötzlich wieder lebendig und aus manchen kleinen Gedanken werden gerade ziemlich große.

Nur standen sie diese Woche gefühlt alle gleichzeitig vor mir.

Mein persönlicher Tellerberg.

Und irgendwann saß ich am Freitag da und dachte:

Wo fange ich eigentlich an?

Kennt ihr das?

Du hast nicht zu wenig Motivation. Ganz im Gegenteil. Du hast vielleicht sogar auf alles Lust.

Aber genau das ist das Problem.

Alles ist wichtig. Alles wäre cool. Alles könnte jetzt passieren.

Und plötzlich sitzt du vor deinem berühmten Dringend-und-wichtig-Quadrat und denkst: Herzlichen Glückwunsch, heute wohnen offenbar alle Aufgaben oben rechts.

Genau deshalb sitze ich jetzt hier.

Sonntagmorgen, 8:19 Uhr, Kaffee neben mir, Couch unter mir und für heute habe ich mir etwas vorgenommen, das erschreckend unspektakulär klingt:

Sortieren.

Nicht alles erledigen. Nicht die Welt retten. Nicht bis heute Abend sämtliche Projekte meines Lebens auf grün setzen. Sondern einmal hinschauen und mich fragen: Was ist wirklich dringend? Was ist wichtig? Was darf warten? Und vor allem: Wo stehe eigentlich ich in diesem Quadrat?

Denn genau das habe ich diese Woche ein bisschen vergessen.

Mein Körper hat mir gestern Abend ziemlich deutlich signalisiert, dass er mit meinem Tempo gerade nicht ganz einverstanden war. Und während ich heute Morgen darüber nachgedacht habe, wurde mir klar, dass wir bei all unseren Listen unglaublich gut darin sind, die Bedürfnisse anderer Menschen einzuplanen.

Arbeit. Familie. Partner. Kunden. Freunde. Termine. Noch schnell diese Nachricht beantworten. Noch kurz jenes erledigen.

Aber wenn „ich selbst“ eine Aufgabe auf unserer Liste wäre, würde sie wahrscheinlich irgendwo unten stehen mit dem Vermerk:

Kann notfalls auf nächste Woche verschoben werden.

Und genau das möchte ich ändern.

Vielleicht beschäftigt mich deshalb das Thema Routinen gerade so sehr. Wir hatten diese Woche einen Workshop dazu und danach schrieb mir eine Kundin, dass sie genau diesen kleinen Schubs gebraucht habe, um ihre eigenen Routinen wieder ernst zu nehmen.

Und ich glaube, darin steckt etwas Entscheidendes:

Meine Routinen sind nicht noch mehr Aufgaben auf meiner Liste. Sie sind das, was mich durch diese Liste trägt.

Das verändert für mich gerade ziemlich viel.

Ein Glas Wasser am Morgen ist keine Aufgabe für meinen Arbeitgeber. Ein gutes Frühstück mache ich nicht für meine Familie. Bewegung ist kein Gefallen für irgendjemanden. Meine Supplements nehme ich nicht, damit auf meiner To-do-Liste ein weiteres Häkchen erscheint. Und fünf Minuten Ruhe müssen sich vor niemandem rechtfertigen.

Diese Dinge sind für mich.

Und gerade dann, wenn der Tellerberg besonders hoch ist, neige ich dazu, genau sie zuerst wegzulassen.

Eigentlich vollkommen bescheuert.

Das wäre ungefähr so, als hätte ich gestern in der Spülküche angesichts von 150 dreckigen Tellern beschlossen:

Jetzt ist wirklich nicht der richtige Zeitpunkt, die Spülmaschine anzumachen.

Doch.

Exakt jetzt wäre ein ziemlich guter Zeitpunkt.

Vielleicht müssen unsere Routinen deshalb gar nicht spektakulär sein.
Sie müssen nur so selbstverständlich werden, dass wir nicht jeden Morgen neu mit uns darüber verhandeln.
Für mich sind gutes Essen, ausreichend trinken, meine Supplements, Bewegung und kleine Rituale mit meinen Ölen genau das: keine weiteren Punkte auf meiner To-do-Liste, sondern Dinge, die mich dabei unterstützen, diese Liste überhaupt gut zu bewältigen.

Denn die Tellerberge werden bleiben – und ehrlich gesagt möchte ich das sogar.


Ich möchte Ideen haben, gestalten, Menschen begegnen, Gastgeberin sein, neue Projekte anfangen und mich vermutlich auch weiterhin gelegentlich darüber wundern, warum plötzlich fünf davon gleichzeitig vor mir stehen.
Das bin ziemlich genau ich. Ich möchte nur aufpassen, dass ich zwischen all den Tellern nicht ausgerechnet mich selbst irgendwo unter dem Stapel vergesse.

Deshalb sitze ich jetzt an diesem Sonntagmorgen mit meinem Kaffee auf der Couch und werde heute nicht versuchen, mein komplettes Leben bis zum Abend durchzusortieren. Ich schaue einfach, welcher Teller zuerst in die Maschine darf und welcher problemlos noch bis Dienstag stehen bleiben kann. Die Welt wird es vermutlich verkraften.

„Komm. Ich nehme die Gläser.“

Und ganz ehrlich: Vielleicht ist genau das auch eine ziemlich schöne Definition von Leben.


Heute gibt es kein Rezept.

Dafür etwas, das gerade wahrscheinlich viel persönlicher ist als jedes Gnocchi-Rezept, das ich euch hier hinschreiben könnte.

Ich teile mit euch meinen eigenen Habit Tracker.

Nicht als neues Optimierungsprojekt, sondern als kleine Erinnerung an mich selbst: Ich bin mir wichtig. Und genau darum geht es mir – um meine Routinen, mein Wohlgefühl und die Dinge, von denen ich weiß, dass sie mir guttun.

Und weil deine Routinen natürlich ganz andere sein können als meine, habe ich euch einen Habit Tracker zum Download vorbereitet.

Heute gibt’s also kein Rezept für den Teller, sondern vielleicht eins für dich:

Deine ganz persönliche „Ich-bin-mir-wichtig“-Liste.

„Nicht alles, was dringend ist, ist wichtiger als du.“
— our new life
Tina Pantke