Wachstumsschmerzen
Wachstumsschmerzen
Es ist 1:28 Uhr nachts.
Ich sitze gerade mit halb geschlossenen Augen auf meiner Couch, die Stimme von Helene Fischer hängt noch irgendwo in meinem Kopf fest und meine Füße haben beschlossen, offiziell Beschwerde einzureichen.
Nicht wegen des Konzerts.
Nicht wegen der Menschen.
Sondern wegen der Tatsache, dass ich offensichtlich vergessen hatte, wie viel man auf einem Helene-Fischer-Konzert tanzt.
Vor drei Stunden stand ich noch im Olympiastadion in Berlin.
90.000 Menschen.
Wenn man diese Zahl so hinschreibt, klingt sie schon verrückt. Wenn man mittendrin sitzt, wird sie noch verrückter.
90.000 Menschen, die dieselben Lieder singen. 90.000 Menschen, die gleichzeitig aufstehen. 90.000 Menschen, die für einen Abend alles andere vergessen.
Und mittendrin ich.
Mit dem Gedanken:
Wie macht man das eigentlich?
Nicht das Konzert.
Nicht die Akrobatik.
Nicht die Saltos, bei denen ich schon beim Zuschauen Muskelkater bekomme.
Sondern dieses ganze Leben.
Diese Karriere.
Dieses ständige Weitergehen.
Während Helene dort oben über die Bühne flog und Dinge tat, bei denen ich schon beim Zuschauen kurz mein Knie gespürt habe, musste ich plötzlich an meine eigene Woche denken.
Und die hatte deutlich weniger Glitzer.
Dafür mehr Bauchschmerzen.
Kennt ihr diese Wochen, in denen eigentlich gar nichts Schlimmes passiert und trotzdem alles ein bisschen zu viel ist?
Man wacht morgens auf und ist voller Energie. Man hat Ideen, Pläne und Motivation und könnte gefühlt die Welt retten. Und keine 24 Stunden später sitzt man auf der Couch, schaut die Decke an und denkt:
„Bitte heute keine Menschen mehr.“
Genau so eine Woche war das.
In meinem Hauptjob wurde ein neues System eingeführt. Eigentlich etwas Gutes. Eigentlich etwas Sinnvolles. Eigentlich.
Aber ich saß dort und war genervt.
Nicht ein bisschen.
So richtig.
Ich wollte die Erklärungen nicht hören. Ich wollte keine neuen Prozesse lernen. Ich wollte keine neuen Wege verstehen. Ich wollte einfach, dass alles funktioniert wie vorher.
Was natürlich ungefähr so realistisch ist wie die Hoffnung, dass ein Wäschekorb sich irgendwann von allein zusammenlegt.
Tut er nicht.
Leider.
Und während ich innerlich immer mehr Widerstand aufgebaut habe, merkte ich, wie mein Bauch sich zusammenzog. Je mehr ich mich dagegen wehrte, desto unangenehmer wurde es.
Das Spannende war nur: Zur gleichen Zeit passierte in meiner Selbstständigkeit etwas Ähnliches.
Auch dort ging es plötzlich nicht mehr nur um Ideen. Nicht mehr nur um Inspiration. Nicht mehr nur um „das wird bestimmt irgendwann mal schön“.
Auf einmal ging es um konkrete Fragen.
Wo will ich eigentlich hin?
Was möchte ich wirklich erreichen?
Was darf besser werden?
Welche Zahlen erzählen mir die Wahrheit?
Und plötzlich fühlte es sich an, als würde das Leben gleichzeitig auf mehreren Kanälen dieselbe Nachricht schicken.
Tina, jetzt wird es ernst.
Und ganz ehrlich?
Ich hatte darauf ungefähr so viel Lust wie damals auf meinen ersten Laufkilometer beim Halbmarathontraining.
Ich erinnere mich noch genau daran.
Nach diesem ersten Kilometer war ich überzeugt, dass Menschen, die freiwillig laufen gehen, ein Hobby gewählt haben, das man durchaus hinterfragen darf.
Meine Beine taten weh. Meine Lunge war beleidigt. Meine Motivation hatte bereits gekündigt.
Und der Gedanke, jemals 21 Kilometer zu laufen, erschien ungefähr so realistisch wie eine eigene Helene-Fischer-Tour.
Damals wusste ich noch nicht, dass sich Fortschritt oft zuerst wie Scheitern anfühlt. Dass Wachstum selten mit Konfetti beginnt und fast nie mit einem perfekten Plan.
Nach einer besonders anstrengenden Diskussion saß ich diese Woche in einem Coaching und erklärte ausführlich, warum mich gerade alles nervt.
Warum ich Bauchschmerzen habe. Warum ich keine Lust habe. Warum ich am liebsten einfach kurz Pause machen würde.
Mein Coach hörte zu, lächelte und sagte nur:
„Tina, das sind Wachstumsschmerzen.“
Wachstumsschmerzen.
Was für ein verrücktes Wort.
Denn plötzlich ergab alles Sinn.
Natürlich fühlt sich Wachstum nicht angenehm an.
Wenn es angenehm wäre, würden wir es gar nicht bemerken.
Natürlich macht es Angst, wenn wir neue Dinge lernen. Natürlich wird es unbequem, wenn wir größer denken als gestern. Natürlich kommt irgendwann der Punkt, an dem wir nicht mehr nur träumen, sondern Verantwortung übernehmen müssen.
Und genau dort wird es spannend.
Während ich also heute Nacht zwischen Stadion, Couch und einer dringend nötigen Portion Schlaf sitze, denke ich an diese Frau auf der Bühne.
Nicht an die Sängerin.
Nicht an die Show.
Sondern an den Menschen dahinter.
An all die Male, die niemand gesehen hat. An die Tage, an denen vermutlich auch sie keine Lust hatte. An die Momente, in denen etwas nicht funktioniert hat. An die Entscheidungen, die wehgetan haben. An die Zweifel, die wahrscheinlich genauso laut waren wie bei uns allen.
Denn wir sehen immer die Bühne.
Wir sehen die 90.000 Menschen.
Wir sehen die ausverkauften Konzerte.
Wir sehen das fertige Bild. ( ps.: Wusstest du, dass die Entwicklungskosten für solch eine Konzertreihe bei 25 Millionen Euro liegen. Krass, oder? )
Was wir nicht sehen, sind die tausend kleinen Schritte davor. Die Momente, in denen jemand trotzdem weitermacht, obwohl er gerade nicht weiß, ob sich das alles lohnt.
Und genau das hat mich diese Woche irgendwie beruhigt.
Vielleicht muss ich gar nicht immer sofort wissen, wie alles ausgeht. Vielleicht muss ich nicht jeden neuen Weg lieben, nicht jede Veränderung feiern und auch nicht bei jedem Schritt voller Motivation aufspringen und rufen: „Juhu, Wachstum!“
Ganz ehrlich?
Diese Woche hätte ich Wachstum manchmal lieber zurückgegeben.
Mit Kassenbon.
Denn mit Ende dreißig hatte ich irgendwie erwartet, dass man sich etwas erwachsener fühlt. Etwas souveräner. Dass man neue Dinge anschaut, einmal nickt und sagt:
„Ach ja, verstehe ich.“
Stattdessen sitze ich in Schulungen, bekomme Bauchweh wegen Veränderungen und benehme mich manchmal exakt so wie beim ersten Lauftraining vor vielen Jahren.
Die gute Nachricht ist nur: Damals bin ich trotzdem losgelaufen.
Und heute gehe ich auch weiter.
Nicht weil ich plötzlich alles verstanden habe.
Nicht weil der Weg jetzt glasklar ist.
Sondern weil ich langsam begreife, dass Wachstum sich selten nach Aufbruch anfühlt.
Meistens fühlt es sich nach Widerstand an. Nach Zweifeln. Nach dem Wunsch, alles wieder zurückzudrehen.
Und erst viel später merkt man, dass genau diese Phase der Moment war, in dem sich etwas verändert hat.
Während ich diese Zeilen schreibe, ist es inzwischen weit nach eins.
Meine Füße tun weh, mein Bett ruft sehr laut nach mir und morgen werde ich vermutlich Muskelgruppen entdecken, von denen ich bisher nicht wusste, dass ich sie besitze.
Aber der Knoten im Bauch?
Der ist kleiner geworden.
Nicht verschwunden.
Aber kleiner.
Und das ist für heute genug.
Denn vielleicht braucht es gar nicht immer die perfekte Lösung. Vielleicht reicht manchmal die Gewissheit, dass man auf dem richtigen Weg ist, auch wenn man ihn gerade noch ein bisschen fluchend entlangläuft.
Falls du also gerade selbst an einem Punkt stehst, an dem alles ein bisschen zu viel, ein bisschen neu oder ein bisschen unbequem ist, dann lass dir gesagt sein: Du bist wahrscheinlich nicht falsch abgebogen.
Du wächst.
Und Wachstum kommt leider selten geschniegelt und geschniegelt daher.
Meistens trägt es Jogginghose, macht Bauchweh und nervt gewaltig.
Aber rückblickend war es fast immer eine ziemlich gute Idee.
Und jetzt entschuldigt mich bitte.
Ich gehe schlafen.
Helene hat heute 90.000 Menschen begeistert.
Ich habe ein neues System überlebt.
Ich finde, wir können beide stolz auf uns sein. 🤍
Was Helene Fischer eigentlich isst …
Auf der Rückfahrt vom Konzert habe ich tatsächlich direkt gegoogelt, was Helene Fischer eigentlich so isst.
Denn seien wir mal ehrlich:
So einen Körper wie Helene Fischer würden wahrscheinlich viele von uns nicht von der Bettkante schubsen.
Diese Frau springt, tanzt, singt, fliegt durch die Luft, steht vor 90.000 Menschen auf einer Bühne und sieht dabei aus, als hätte sie nebenbei noch Zeit für eine Gesichtsmaske und einen entspannten Nachmittag am See.
Und ganz im Ernst: Sie ist einfach eine wunderschöne und verdammt attraktive Frau.
Was ist ihr Geheimnis?
Die Antwort war überraschend unspektakulär.
Zumindest deutlich unspektakulärer als ich gehofft hatte.
Kein Zauberpulver. Keine Wunderpille. Keine geheime Hollywood-Diät.
Stattdessen tauchten immer wieder diese Lebensmittel auf:
Gemüse
Ingwer
Zitrone
Salate
Beeren
Avocado
Eier
Fisch
Nüsse
Pasta
Und während ich das las, musste ich schmunzeln.
Denn eigentlich sind es genau die Dinge, die wir alle kennen.
Die Frage ist oft nicht, was wir essen sollten.
Sondern ob wir es auch wirklich tun.
Und weil ich vermutlich niemals für Helene kochen werde (wobei: Helene, falls du das hier zufällig liest – mein Angebot steht 😄), habe ich mir überlegt, welche Bowl ich ihr servieren würde.
„Atemlos-Bowl“
Die Basis
Quinoa
Babyspinat
Rucola
Dazu
Avocado
Granatapfelkerne
Heidelbeeren
Geröstete Pekannüsse
Ziegenkäse
Frische Petersilie
Das gewisse Extra
Frisch geriebener Ingwer
Zitronenabrieb
Zitronensaft
Hochwertiges Olivenöl
Alles vermengen, kurz bewundern, ein Foto machen – wir sind schließlich im Jahr 2026 – und dann genießen.
Und falls ihr euch fragt, ob diese Bowl tatsächlich für Helene geeignet wäre:
Keine Ahnung.
Aber nach drei Stunden Konzert, 90.000 Menschen, einer Menge Wachstumsschmerzen in dieser Woche und einem kleinen Knoten im Bauch würde sie mir auf jeden Fall gerade ziemlich gut schmecken.
„Vielleicht trainiert das Leben gerade genau die Muskeln, die du für dein nächstes Kapitel brauchst. 🤍“